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XIMAG - Künstler-Interview: Tanja Meurer

Wann hast du mit deinem künstlerischen Schaffen angefangen?

Die ersten Geschichten habe ich 1981 geschrieben. Für meine damals 8 Jahre die „irre Leistung“ von 2 bis 4 Seiten, na ja, das ist heute ein bisschen anders.

Im Allgemeinen sind es Kurzgeschichten, die die Tendenz zu einem Roman bekommen, wenn ich wieder kein Ende finde.

Bei der Zeichnerei ist es anders. Da habe ich nach meinem ersten „formvollendeten“ Profil (irgendwann im Musikunterricht 1983) angefangen, das ganze Thema Zeichnen ernsthaft zu verfolgen.

Darf ich sagen, dass ich mich nun fühle, als wäre ich zwischen 100 und Scheintot?

Was tust du, wenn du nicht comics zeichnest – oder malst?

Wenn ich Zeit habe, schreibe ich. Ansonsten bin ich „Land unter“ im Büro, verlustiere mich mit Hausputz, lese, zumindest wenn mein schlechtes Gewissen, nicht den Stift zu schwingen, mich mal in Ruhe lässt, „plüsche“ mit meinen Tieren (okay, jetzt nur noch einem), oder bin gerne in anderen Städten unterwegs. Altbauten, Geschichte und alte Fahrzeuge, bzw. die ewig heikle Thematik 2. Weltkrieg sind immer Themen, die mich vollkommen gefangen nehmen können.

Woher nimmst du deine Ideen?

Von dem was ich sehe, höre, was sich in meinem Schädel neu formt und eine neue Einheit bildet. Oft sind es einzelne Wortfetzen, eine Melodie, der Anblick eines Menschen, eine Situation oder schlicht ein Haus in einer bestimmten Tageszeit, oder auch ein Traumfetzen, der eine Geschichte und ein Bild auslösen kann.

Was inspiriert dich?

Beim Schreiben Musik, teils Filme die eine bestimmte Stimmung transportieren; beim Zeichnen die Sehnsucht eine bestimmte Szene oder ein bestimmtes Gefühl zu bannen.

Dazu eine Zwangsanekdote. Das Ganze ist nun schon weit über 25 Jahre her. An einem Sonntag nahmen meine Eltern mich mit auf einen Ausflug. Das, was sie mir zeigten, war eine alte Festung, ein Teil der Stadtmauer mit Türmen und wild von Moosen überwuchert. Damals wollte ich von diesem Ort gar nicht mehr weg. Die Stimmung und der Anblick dieses verwitterten, übergrünten Steins ist auch noch heute in mir. Damals habe ich geheult bis wir zu Hause waren. Danach setzte ich mich hin und zeichnete dieses Bild und die Stimmung. Klar, mit meinem damaligen Können fuhr das Thema eher gegen die Wand. Aber es wurde bezeichnend für die Art, wie ich zu Motiven komme.

Hast du bestimmte, künstlerische Vorbilder?

Im Jugendstil Mucha und Klimt, ansonsten nicht wirklich. Meine Detailverliebtheit und die Vorliebe schöne Männer zu Zeichnen wird leider immer wieder verwechselt mit dem Stil Ayami Kojimas (Castlevania/ Dracula X). Von ihr erfuhr ich allerdings erst lange nachdem ich diese Stilrichtung eingeschlagen hatte.

Klar, meine Mutter hatte einen ziemlichen Einfluss mit ihrer überästhetischen Art zu zeichnen. Aber sie nutzte immer eher den verspielten Stil der Tuschebilder aus den 50ern und 60ern.

Was zeichnet für dich einen besonders guten Comic aus? (Kannst du uns was empfehlen?)

Komplexe Stories, harmonische Bilder (allerdings harmonisierend zur Geschichte). Dabei komme ich auch sehr gut mit den Extrem-Zeichnungen eines Dave McKeen klar (Sandman, Black Orchid), wenn Neil Gaiman der Autor ist.

Auch die Nestor Burmas-Romane von Leo Mallet, die Jaques Tardi zeichnerisch umsetzte, passen hundertprozentig zueinander, auch wenn der Stil grob und fahrig zu nennen ist.

Meine Lieblinge sind Neil Gailman-Geschichten, „Sandman“ und „Black Orchid“, außerdem von DC Vertigo: „House of Secrets“, „The Dreaming“, „Books of Magic“, etc.

Allerdings auch die klassischen Franco-Belgier. Mallet/ Tardis „120 Rue de la Garre“, „Blei in den Knochen“, „Die Brücke im Nebel“, und auch die Comics „Samba Bugatti“, „Zyklus der zwei Horizonte“ (übrigens aus der Feder eines Polen), „Blacksad“ oder „Fernando Fernadez’ Dracula“.

Ich habe als kleines Kind mit Asterix und Obelix angefangen, dann Superheldencomics gelesen, „Elfenwelt“ und viele Franco-Belgier, amerikanischen Underground. Dann eine Manga-Phase und wieder zurück zu Franco-Belgiern und Underground. Da fühle ich mich am wohlsten.

Welche Schattenseiten siehst du an deiner Arbeit?

Dass ich als Lohnsklave in einer Firma arbeite, die 10 Stunden Plus am Tag einnimmt und ich kaum vernünftig lange zum Zeichnen und Schreiben komme. Ebenso, dass man als Comic-Zeichner in Deutschland keinen Staat machen kann und immer am Hungertuch knabbern wird.

Was würdest du als den bisherigen Höhepunkt deiner künstlerischen Karriere betrachten und welches war der bisherige Tiefpunkt für dich?

Dass ich seit November 2006 selbstständig bin und auch noch von einem anderen Verlag als Comic-Zeichner beauftragt wurde. Ebenso, dass viele Verlage Interesse an Geschichten von mir haben.

Das war zumindest bisher der Höhepunkt.

Tiefpunkte? Meine ewige Unzufriedenheit mit meinen Bildern. Ich will in allem besser werden und alle Ziele, die ich mir setze, immer wieder überschreiten.

Wie siehst du die deutsche Comic-Landschaft?

Pechschwarz (und das nicht weil ich ein Goth bin). Mangas in minimaler Qualität und mit infantilen Stories überrennen den Markt und verdrängen mehr und mehr intelligente und künstlerische Inhalte. Die Gemeinde, die Mangas liest, überrennt jährlich auf der Leipziger Buchmesse und der Connichi in einem Aufwallen von Geistlosigkeit die Zeichner und bebombt sie mit Fragen und Kommentaren, die mir schlicht einen eisigen Schauer über den Rücken laufen lassen.

Zum Beispiel auf der Buchmesse Leipzig letztes Jahr die Szene, dass ein Mädchen an unseren Stand kam, eine unserer Zeichnerinnen ihr ein Lesezeichen zum Kauf anbot und sie antwortete: “Ich lese doch nicht. Warum soll ich so was kaufen, wenn ich keine Bücher habe?“

Da dachte ich mir auch nur noch: ‚Was zum Geier machst Du dann bitte auf einer Buchmesse?’

Ich will nicht sagen, dass alle Mangas schlecht sind. Aber die breite Masse sorgt für reichlich „Rosige Überzuckerung“ und endgültige Verdummung.

Wenn du drei Wünsche frei hättest - und keiner dürfte darin bestehen, beliebig viele, weitere Wünsche frei zu haben, wie würden sie lauten?

  1. Schuldenfrei sein
  2. Mit dem Zeichnen und Schreiben mein festes Einkommen zu haben und damit gut zu überleben und
  3. dass der Tag mehr als 24 Stunden hat, damit ich mehr machen kann

Wie würdest du dein Projekt im Ximag beschreiben?

Endlich kann ich machen, was mir gefällt…?

Nein, ich setze einfach einen Roman, den ich für Ueberreuter Wien angefangen hatte, zeichnerisch um, und es ist wieder tiefer Underground, Vampire, Gothic und Dark-Fantasy.

Bereust du schon dabei zu sein?

Nein, im Gegenteil. Ich bin absolut glücklich dabei.

Was wäre ein gutes Schlusswort für dieses kleine, Frage-Antwort-Spiel?

Bin für alle Schandtaten bereit und immer gerne dabei. Ein Grund mehr zu hoffen, dass das Projekt gut anläuft und wir alle lange dabei sein können.

Für mich ist es wirklich schön, mal nicht nach engsten Vorgaben arbeiten zu müssen.

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